Von der Notwendigkeit einer Aufholjagd
Seit Collien Fernandes‘ mutigem Schritt, ihre Strafanzeige wegen digitaler Gewalt gegen ihren Ex-Mann öffentlich zu machen, war aus dem Mund vieler Journalist*innen und Politiker*innen der Name des südeuropäischen Landes zu hören – mit einem hörbaren Fragezeichen: Spanien? Spanien soll in Sachen Geschlechtergerechtigkeit weiter sein als wir?
Trügerische Selbsteinschätzung
Dieses Erstaunen ist ein anschauliches Beispiel für die außerhalb von Fachkreisen kollektiv verzerrte Selbstwahrnehmung in unserem Land. Denn Pi mal Daumen wähnen wir Deutschen uns bei der Gleichberechtigung der Geschlechter zwar nicht auf dem Spitzenplatz (die skandinavischen Länder sind besser, meinen wir zu wissen), aber doch im vorderen Drittel. Also: da ist noch etwas Luft nach oben, aber wir sind jedenfalls weiter als viele andere. Kein Grund für hektische politische und gesellschaftliche Maßnahmen, jedenfalls. Ganz im Gegenteil: Aktuell erobert sich auch in Deutschland eine Schlusstrichmentalität Raum, wie wir sie zugespitzt in Trumps Verbot von proaktiven Gleichstellungs- und Vielfaltsmaßnahmen als „diskriminierend“ sehen. Doch diese Selbsteinschätzung ist trügerisch.
Ja, Deutschland gehörte in Europa zu den Vorreiterinnen bei der Einführung des Frauenwahlrechts (dabei waren tatsächlich nur die skandinavischen Länder und Russland schneller). Aber das war 1918.
Die Realität in Zahlen
2026 sieht die Realität so aus:
Im EU-Gleichstellungsindex, der die Gleichstellung in den verschiedenen Lebensbereichen bewertet, liegt Deutschland insgesamt nur auf dem 11. Platz – unterhalb des EU-Durchschnitts und hinter Ländern wie Portugal, Belgien, den Niederlanden, Irland, Dänemark, Frankreich, Schweden… Spanien hält übrigens Platz 4.
Beim Gender Pay Gap ist Deutschland ist mit 16 % im EU-Vergleich auf dem siebtletzten Platz – deutlich schlechter als der EU-Durchschnitt (12 %) und Spanien (7 %) oder Belgien (0,7 %).
Beim Frauenanteil in den Aufsichtsräten der 50 größten börsennotierten Unternehmen des jeweiligen Landes in der OECD liegt Deutschland auf Platz 12, deutlich hinter Frankreich, Norwegen, Italien,…, und Spanien (Platz 10).
Der Frauenanteil im Parlament ist in Deutschland bei der letzten Bundestagswahl gesunken und liegt bei nur 32,4 Prozent – im EU-Vergleich nur hinteres Mittelfeld (Spanien: 43,3). Besonders bitter: Deutschland ist der einzige Mitgliedsstaat, in dem dieser Wert im Vergleich zu 2015 (36, 2) gesunken statt angestiegen ist.
Auch mit der seit 1993 unveränderten Regelung zur Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs bleibt Deutschland im Rechtsvergleich hinter dem weltweiten Trend zur Legalisierung des Abbruchs und der Anerkennung des Rechts auf reproduktive Selbstbestimmung zurück. (Auch in Spanien). Dieser Liberalisierungstrend wird nur durch restriktive Tendenzen in autoritären Demokratien durchbrochen.
Also: Ja, Spanien
Also: Ja, Spanien. Und sehr viele andere Länder. Nicht nur im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt, sondern für eine ganzheitliche Gleichstellungspolitik sollten wir die deutsche Nabelschau überwinden und mit der Aufholjagd beginnen.



