Wieso Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt in Politik und Unternehmen jetzt nicht zur Nebensache werden dürfen
Derzeit eskaliert die Erfahrung von Brüchigkeit und Unsicherheit, wir sind im multiplen Dauerkrisenmodus. Zu Klimakrise, Pandemie und Krieg kommt die Erosion internationaler regelbasierter Systeme und Partnerschaften hinzu, die zu Disruptionen im Völkerrecht, in der Sicherheitspolitik und im Welthandel führen. Dies tritt in Deutschland neben hausgemachte Probleme wie die unzureichende Ausrichtung auf die großen D (Demografie, Dekarbonisierung, Digitalisierung) und Bürokratielasten, und schlägt sich in der längsten wirtschaftlichen Schwächephase in der Geschichte der Bundesrepublik nieder.
Die male only Bilder sind zurück
Für viele scheint in der Krise nun der Griff nach den alten Rezepten an Anziehung zu gewinnen: Zurück zur Hierarchie, zu bewährten Routinen und Prozessen! Im Hinblick auf die Kategorie Geschlecht zeigte sich dieser Trend im vergangenen Jahr bildlich. Ob in der Politik, in Unternehmen oder in der Zivilgesellschaft, immer wieder sind Gruppenbilder von Entscheidern oder Expertenrunden zu sehen, in denen Frauen – wenn überhaupt – nur die Ausnahme zwischen Männern in dunklen Anzügen bilden. Bei so vielen „Male Only“ Bildern fühlte ich mich, als sei ich in ein Zeitloch gerutscht.
Warum ist das so? Ich denke, in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt greifen gerade drei Dinge ineinander:
Krise verstärkt Verzerrungen
Erstens gewinnen mit Stress und Angst unbewusste kognitive Verzerrungen an Bedeutung. Dazu gehören der Status-Quo-Bias, die psychologische Tendenz, das Gewohnte dem Neuen vorzuziehen. Genauso der Unconscious Gender Bias, der bei allen Menschen vorhandene. unbewusste und unfreiwillige Verzerrungseffekt im Zusammenhang mit Stereotypen und gesellschaftlichen Diskriminierungsprozessen. Er führt dazu, dass unbewusst Attribute wie Führungsstärke und Wirtschaftskompetenz eher Männern als Frauen zugeschrieben werden.
Gleichberechtigung in einer ungleichen Welt kostet
Zweitens kostet es kurzfristig Aufmerksamkeit und Geld, Chancengleichheit und faire Repräsentanz zu gewährleisten. Wegen der immer noch bestehenden strukturellen Ungleichheit der Geschlechter gilt nach wie vor: Verändert man die Prozesse und Strukturen nicht proaktiv für Gleichstellung, bleiben die Ergebnisse ungleich (und die Führungsebenen männlich, zum Beispiel). Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt sind anstrengend, denn sie erfordern Veränderungen im Unternehmen und der Organisation. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten liegt also der Impuls nah, diesen Aufwand als „Nice-to-Have für bessere Zeiten“ gezielt oder faktisch zu vernachlässigen.
Der autoritäre Anti-Gender Feldzug wirkt auch bei uns
Drittens werden Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt als Werte und Ziele weltweit von autoritären Kräften offensiv bekämpft. Der Feldzug der Trump-Administration gegen Diversity, Equity and Inclusion (DEI) - Programme in Unternehmen und Behörden, in Wissenschaft und Forschung und in der Bildung schlägt sich auch in Deutschland nieder, und das nicht nur bei deutschen Unternehmen mit starkem US-Geschäft.
Geschlechtergerechtigkeit zahlt sich aus - für Wirtschaft und Demokratie
Aus betriebs- und volkswirtschaftlicher Sicht aber ist das Zurück zu den alten Rezepten der falsche Schritt.
Die Datenlage ist klar: Wie Untersuchungen großer Wirtschaftsberatungen bestätigen, wirken sich ein höherer Frauenanteil und mehr Diversität in der Führungsetage positiv auf das Wachstum und den geschäftlichen Erfolg von Unternehmen aus. Unternehmen mit mixed Leadership scheinen insbesondere im Umgang mit Risiken und Krisen besser aufgestellt. Diverse Perspektiven in Entscheidungsgremien führen zu mehr Reibung und komplexeren Entscheidungsprozessen (Integrationsparadoxon). Während homogene Teams Vorteile bei Routinen unter gleichbleibenden Rahmenbedingungen haben, schlägt der Vorteil von Vielfalt gerade in unsicheren und mehrdeutigen Situationen zu Buche – durch Offenheit, Fähigkeit zum Reframing und zum Szenariendenken.
Wer Maßnahmen für Chancengleichheit und faire Repräsentanz vernachlässigt oder aktiv zurückdrängt, schadet sich wirtschaftlich selbst. Von den Rückschritten bei der Verwirklichung von Gleichberechtigung als Baustein der Demokratie ganz zu schweigen.



